In Belgien geben Gefängnismedien den Inhaftierten trotz Hindernissen eine Stimme
In Belgien machen Zeitschriften, Radiosendungen und Zeitungen, die gemeinsam mit Inhaftierten gestaltet werden, das Gefängnisleben von innen heraus hörbar. Diese Medien bieten Raum für Kreativität und Reflexion, stoßen jedoch auf die besonderen Einschränkungen des Gefängnisalltags: begrenzten Zugang zu Arbeitsmitteln, fehlende Zeit und Ressourcen sowie wechselnde Teilnehmende.
Schreiben und Gestalten hinter Gittern
In der 26. Ausgabe von Oxygène beantworten belgische Inhaftierte in Prosa oder Lyrik Fragen zu Vergebung, Wahrheit und einer zweiten Chance. Diese Zeitschrift erscheint zweimal jährlich in Zusammenarbeit mit dem Verein Adeppi, dem Atelier d’Éducation permanente pour personnes incarcérées.
Literarische Texte, Zeichnungen, im Gefängnis erstellte Reportagen und Kochrezepte stehen darin nebeneinander. Für Camilla und François, die die Veröffentlichung für Adeppi koordinieren, ist Oxygène in erster Linie eine Zeitung für Inhaftierte, die gemeinsam mit ihnen produziert wird. Aus einem Ansatz der Erwachsenenbildung entstanden, hat sie im Laufe der Zeit festere Strukturen entwickelt und dabei nach Angaben der Verantwortlichen eine flexible, vom Fanzine inspirierte Form bewahrt.
Auch andere Publikationen wie Le Yoyo, Libre Marche oder Hubert Mag erzählen vom Alltag in Haft. Im Radio behandelt die gemeinsam mit GSARA und der Fondation pour l’Assistance Morale aux Détenus produzierte Sendung Le Cri unter anderem Überbelegung, Gesundheit und den Zugang zu Kultur.
In Belgien ist der Zugang zu Fernsehen, Printmedien und Radio erlaubt, unterliegt aber Vorschriften. Inhaftierte müssen insbesondere für ihr Fernsehgerät, ihr Abonnement oder ihre Zeitungen bezahlen. Der Internetzugang erfolgt über eine Plattform, die Zugang zu bestimmten gesicherten Websites bietet. Diese Möglichkeiten können aus Sicherheitsgründen eingeschränkt werden.
Ein Medium für Inhaftierte oder über die Mauern hinaus?
Bei der Frage nach dem Publikum gehen die Ansätze auseinander. In Frankreich veröffentlicht l’Envolée, die seit 2001 von ehemaligen Inhaftierten und Angehörigen herausgegeben wird, Briefe, Prozessberichte und Analysen, um den Forderungen inhaftierter Menschen Gehör zu verschaffen. Das Observatoire international des prisons gibt seinerseits die Zeitschrift Dedans-Dehors heraus, die von Ehrenamtlichen in Zusammenarbeit mit Inhaftierten und ihren Familien erstellt wird.
In Spanien wird La Voz del Patio von Inhaftierten der Justizvollzugsanstalt Burgos mit Unterstützung von Medienfachleuten produziert. Seit 2019 erscheint sie in gedruckter Form und wird in Geschäften der Stadt sowie im spanischen Strafvollzugsnetz verteilt. Ihr Koordinator Víctor Cámara beschreibt diese Verbreitung als eine Möglichkeit, zur Wiedereingliederung von Menschen beizutragen, die von der Gesellschaft ausgegrenzt wurden.
Oxygène verfolgt einen anderen Ansatz: Die Verantwortlichen sind der Ansicht, dass die Zeitschrift vor allem ein Ort bleiben sollte, an dem sich Inhaftierte ausdrücken können. Sie befürchten, dass die Aussicht, außerhalb des Gefängnisses gelesen zu werden, ihre Freiheit, offen zu sprechen, einschränken könnte. Sie erklären außerdem, dass Kritik innerhalb des gesetzlichen Rahmens des Gefängnisses ihren Platz in der Publikation habe, und geben an, bislang keinen Beitrag zensiert haben zu müssen.
In Italien war die von Inhaftierten des Gefängnisses von Ivrea gegründete Zeitschrift L’Alba Einschränkungen ausgesetzt. 2023 machte der Gefängnisdirektor die Fortsetzung ihrer Arbeit davon abhängig, dass die Artikel ohne Namensnennung veröffentlicht und vorab gelesen werden, wobei als unangemessen eingestufte Beiträge zensiert werden könnten. Im April 2025 schrieben mehr als zwanzig italienische Gefangenenzeitschriften an das Justizministerium, um die Meinungsfreiheit zu verteidigen und unter anderem einen besseren Zugang zu digitalen Technologien zu fordern.
Haftbedingungen gefährden die Projekte
Diese Medien werden häufig von Vereinen und Ehrenamtlichen getragen, doch der Mangel an Ressourcen und Zeit behindert ihre Arbeit. Verlegungen zwischen Einrichtungen erschweren die Kontinuität der Projekte, während der eingeschränkte Internetzugang die Möglichkeiten für Recherche und Produktion begrenzt.
Diese Hindernisse sind Teil eines belgischen Systems, das mit starker Überbelegung konfrontiert ist. Der Zentrale Aufsichtsrat für das Gefängniswesen gab an, dass sich am 31. März 2025 mehr als 13 700 Menschen in Haft oder in verlängertem Hafturlaub befanden, während 11 040 Plätze verfügbar waren. Dies entspricht einer Belegungsquote von 124 %. Er warnte auch vor den Auswirkungen dieser Situation auf die Lebensbedingungen, den Zugang zur Gesundheitsversorgung und die Möglichkeiten der Wiedereingliederung. ()
Die psychische Gesundheit ist ein weiteres grundlegendes Thema. Die Weltgesundheitsorganisation schätzte anhand der verfügbaren Daten aus fünfzehn europäischen Staaten, dass etwa ein Drittel der Inhaftierten unter psychischen Störungen litt. Räume für Kreativität und Austausch ersetzen keine Behandlung, geben aber Erfahrungen und Anliegen einen Platz, die außerhalb der Mauern oft wenig sichtbar bleiben. ()
Quelle: Voxeurop (voxeurop.eu)
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Autor: Adrian Burtin
