In Brasilien reicht Lulas Bilanz nicht aus, um den Frust vor der Präsidentschaftswahl 2026 zu zerstreuen
Wenige Tage vor der ersten Runde der brasilianischen Präsidentschaftswahl, die für den 4. Oktober 2026 angesetzt ist, verteidigt Luiz Inácio Lula da Silva eine Bilanz, die von wirtschaftlicher Erholung und sozialen Maßnahmen, aber auch von Verschuldung, hohen Zinsen und anhaltendem Frust geprägt ist. Nach den von Alternatives économiques am 29. September veröffentlichten Zahlen ist die Zustimmung zu seiner Regierung von 83 % am Ende seiner zweiten Amtszeit auf heute 32 % gesunken. Gegen den Senator Flávio Bolsonaro zeichnet sich den vom Medium zitierten Umfragen zufolge ein knappes Rennen ab.
Wirtschaftsindikatoren verbessern sich
Nach einem Jahr 2022, in dem die Wirtschaft nahezu stagnierte, wuchs die brasilianische Wirtschaft 2023 um 3,2 % und 2025 um 2,3 %, wie aus den von Alternatives économiques wiedergegebenen Daten hervorgeht. Getragen wurde das Wachstum vom Konsum, von öffentlichen Investitionen sowie von Exporten von Rohstoffen und agroindustriellen Erzeugnissen.
Die Arbeitslosenquote sank im Juli 2026 auf 5,3 % und damit laut dem Artikel auf den niedrigsten Stand seit 2012. Das brasilianische Statistikamt IBGE bestätigt für den Zeitraum von Mai bis Juli 2026 eine Quote von 5,3 %. () Die Inflation ging unterdessen von 5,8 % im Jahr 2022 auf 4,3 % im Jahr 2025 zurück.
Die Regierung bemühte sich, die Einkommen der Haushalte zu stützen. Zu den genannten Maßnahmen gehören die Anhebung des Mindestlohns, die Ausweitung der Sozialleistung Bolsa Família und eine Regelung, die bestimmten zahlungsunfähigen Haushalten einen Erlass von bis zu 80 % ihrer Schulden ermöglicht. Lula erhöhte außerdem die monatliche Freigrenze bei der Einkommensteuer von 2 000 auf 5 000 Reais, eine Maßnahme, die dem Artikel zufolge 20 Millionen Familien betrifft. Die damit verbundenen Einnahmeausfälle sollen durch eine Steuer auf Einkommen von mehr als 50 000 Reais pro Monat ausgeglichen worden sein.
Öffentliche Investitionen bilden den anderen Schwerpunkt der Wirtschaftspolitik. Das Programm zur Beschleunigung des Wachstums, kurz PAC, sieht Projekte in den Bereichen Infrastruktur, sozialer Wohnungsbau und industrielle Entwicklung vor. Seine Finanzierung stützt sich insbesondere auf die staatliche Bank BNDES, die nach den von Alternatives économiques veröffentlichten Zahlen 700 Milliarden Reais für Zuschüsse, zinsvergünstigte Kredite und Beteiligungen zugesagt hat.
Kreditkosten belasten Haushalte und Staat
Diese Bilanz bleibt durch das hohe Zinsniveau gefährdet. Der Artikel betont, dass der Leitzins Selic private Investitionen bremst und die Rückzahlung von Krediten verteuert. Die Zahl von 13,75 % entspricht laut der brasilianischen Zentralbank dem nach dem Beschluss vom 16. September 2026 geltenden Leitzins. ()
Der Anteil verschuldeter Haushalte soll 2026 auf 82 % gestiegen sein, gegenüber 71 % im Jahr 2022. Nach den vom Medium zitierten Daten wenden 19,2 % mehr als die Hälfte ihres Einkommens für Zinszahlungen auf, und 29 % haben Zahlungsrückstände. Das Zinsniveau belastet auch die öffentlichen Finanzen: Die Verschuldung soll innerhalb von vier Jahren von 73 % auf 83 % des BIP gestiegen sein, während der Schuldendienst zu einem bedeutenden Ausgabenposten der öffentlichen Hand geworden ist.
Im sozialen Bereich verkündete die Regierung 2025 die Beseitigung des Hungers. Dieses Ergebnis wird der Ausweitung von Bolsa Família und dem Programm Brasil Sem Fome zugeschrieben, das sich insbesondere dem Zugang zu Trinkwasser und der Unterstützung der familienbetriebenen Landwirtschaft widmet. Auch eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit von 44 auf 40 Stunden ohne Lohnkürzung wurde von den Abgeordneten verabschiedet. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Originalartikels stand die Beratung des Gesetzestextes im Senat noch aus.
Eine Bilanz, die den Frust nicht zerstreut
Die Erholung hat die zwischen 2012 und 2022 aufgelaufenen Einkommensverluste nicht ausgeglichen. Nach der von Alternatives économiques veröffentlichten Analyse liegt das durchschnittliche Jahreseinkommen der ärmeren Hälfte der Bevölkerung weiterhin unter dem Niveau von vor fünfzehn Jahren, während das der unteren Mittelschichten stagniert hat. Die Zunahme prekärer Beschäftigung und die Ausbreitung der Plattformarbeit verschärfen ebenfalls die sozialen Schwierigkeiten.
Die Grenzen staatlichen Handelns zeigen sich auch im Hochschulbereich: 38 % der Hochschulabsolventen waren 2025 nach den vom Medium zitierten Zahlen in einer Stelle beschäftigt, die nicht ihrem Qualifikationsniveau entsprach. Der Artikel verweist zudem auf das Ausbleiben von Strukturreformen in mehreren Bereichen, darunter das Steuerwesen, das öffentliche Hochschulwesen und die Polizei.
Bei den Wahlen am 4. und 25. Oktober – der zweite Wahlgang ist bei Bedarf vorgesehen – fällt die Entscheidung zwischen den Kandidaten für die Präsidentschaft und die Regierungen der Bundesstaaten. () Für Lula geht es darum, die Wähler davon zu überzeugen, dass die wirtschaftlichen und sozialen Fortschritte schwerer wiegen können als die Lebenshaltungskosten, die Verschuldung und die enttäuschten Erwartungen. Seine Bilanz liefert Argumente, reicht aber allein nicht aus, um die in der Analyse beschriebene Unzufriedenheit zu zerstreuen.
Quelle: Alternatives économiques (www.alternatives-economiques.fr)
Originalartikel: Originalquelle ansehen
Autor: Julien Dourgnon
